Bildgestaltung: Was beim Schneiden von Copterbildern wichtig ist (I)

So – ein großes Projekt ist gerade abgeschlossen:  „Ein Sommer in Brandenburg“ – ein „heimatkundliches Roadmovie“, bei dem ein TV-Team den ganzen Sommer mit einem alten DDR-Robur-Bus durch Brandenburg fährt, auf ganz unterschiedliche Menschen trifft und Geschichten am Wegesrand entdeckt. An 16 Drehtagen mit dabei: ein Kameracopter! Insgesamt werden vier Folgen à 90 Minuten draus, zwei davon habe ich geschnitten. Da gab es jede Menge Flugaufnahmen zu importieren, zu sichten und zu montieren. Jetzt möchte ich gerne mit euch diskutieren, ob für die Montage von Copter-Bildern eigentlich besondere Gesetze gelten. Mit folgenden Fragen will ich mich in diesem Post beschäftigen:

  • Wie wirken sich Luftaufnahmen (immer bewegt) auf den Schnitt-Rhythmus aus?
  • Wie gut lassen sie sich mit Bildern von der „Bodenkamera“ kombinieren?
  • Wie oft hat man denn tatsächlich Zeit, einen tollen Flug in voller Länge zu zeigen? (Leider viel zu selten.)
  • Wird’s auch mal langweilig, immer nur zu fliegen?

Eigene Ästhetik und Länge von Flugeinstellungen

Schön zu beobachten ist auf jeden Fall, dass tolle Flugaufnahmen die Zuschauer noch immer in Begeisterung versetzen. Die Kollegen, die heute zum ersten Mal die Filme gesehen haben (Toningenieur und Sprecher), haben zwei-, dreimal ihren Einsatz verpasst, weil sie „oh – wie toll sieht das denn von oben aus“ einfach nur gestaunt haben.
Bei 2 x 90 Minuten gemütlicher Sommerreise hatte ich auch wirklich mal Zeit, Flugeinstellungen länger stehen zu lassen. Das wäre meiner Meinung nach schon mal ein wichtiger Punkt: Die Länge der Einstellungen. Wenn man einen interessanten Flug in Echtzeit wirken lassen möchte, dauert der nicht nur zweieinhalb Sekunden. Sondern vielleicht fünf oder zehn oder sogar 15. Und sooooo lange Einstellungen können eine Bremse sein. Das ist ja noch extremer als mit Schwenks, die auch oft wieder aus der Schnitt-Timeline fliegen, wenn der Film zu lang ist oder wenn man bildlich mehr Abwechslung in eine Szene bringen möchte. Mein Tipp: Schon vor dem Dreh das Storyboard so gestalten, dass längere Luft-Szenen wirklich eingeplant werden und auch ihre Wirkung entfalten können.

 

Problem: Copterbilder in kurzen Clips oder im Vorspann

Ein Beispiel: Dem Vorspann-Cutter von „Ein Sommer in Brandenburg“ hatte ich eine ganze Palette von schönen Bildern geliefert – darunter auch viele Flugaufnahmen. Letztendlich haben es dann aber nur vier mal ca. zwei Sekunden in den Vorspann geschafft. Die anderen elf Einstellungen stammen von unserem Kameramann. Ihr könnt ja mal gucken, ob ihr die Drohnenbilder entdeckt:

 

Apropos Vorspann, Trailer, Werbung, „clippig“ schneiden: Das geht manchmal auch trotz langer Flugaufnahmen. Hier ein Link zu einem Spot von AGRAVIS:
Bei ca. 18 Sekunden geht’s los mit diversen Drohnenflügen, die wir vor zwei Jahren gemacht haben. Das Postproduktionsteam hat Tempo reingebracht, indem sie die Realzeit manipuliert haben (Timewarp). Das ist ein gelungener Effekt, wie ich finde, und hier passen Musik, Bewegung im Bild und Schnittrhythmus sehr gut zusammen. Auf die ungewöhnlichen Perspektiven kann man sich trotz kurzer Schnitte gut einlassen.

 

Rhythmus und Musik bei Bildern aus der Luft

Im letzten Polizeiruf 110 hat mir das hier gefallen:
 
Die Musik gibt das Tempo vor, die Flugaufnahme der Szene in Jump Cuts zerlegt – und schon hat man nichts gemächlich Schwebendes mehr auf dem Bildschirm sondern eine bedrohliche Annäherung in eine Verhörsituation am Tatort. Im zweiten Ausschnitt gibt’s eine Verfolgungsjagd; die Flugaufnahmen gut kombiniert mit anderen Kamera-Einstellungen. Reißschwenks und wacklige Handkamera treiben das Geschehen ebenso voran wie die Bilder aus der Luft. Da bremst nix, sondern die luftigen Perspektiven sorgen für Abwechslung, einen Überblick über den Ort und ganz zum Schluss kommt die Bedrohung mit ins Spiel, durch den Anflug von oben:

 

Timewarp und Jump Cuts

Das sind zwei Beispiele für Stilmittel (Timewarp, Jump Cuts), die aber nicht zu jeder Geschichte passen. In klassischen journalistischen Erzählformen sind solche Montagesequenzen selten anzutreffen und wenn hier die Drohne ins Spiel kommt, dann werden deren Einstellungen eher in Echtzeit auserzählt. Das kann bei bildarmen Themen ein wahrer Segen sein! Und  bei komplexen, schwierigen Themen können diese Flüge eine visuelle Ruhe in den Film bringen. Lange, ruhige Flugaufnahmen füllen wunderbar die Löcher in der Timeline meines Schnittsystems bei Bildarmut. Und das mit attraktiven Bildern aus neuen Perspektiven, die viele Zuschauer so nicht kennen, weil sie ja nun mal eben selbst nicht um den Kirchturm fliegen können.

 

Vogelperspektive kann Ruhe schaffen

Am Schluss dieses Posts nochmal zurück zu „Ein Sommer in Brandenburg“: In Folge zwei gibt es eine Geschichte über das Frauen-Konzentrationslager in Ravensbrück. Zwei ehemalige Insassinnen, die in sehr bewegenden Interviews von den schrecklichen Erlebnissen berichten, werden in ihren Rollstühlen über das Gelände geschoben und erinnern sich. Hier war ich sehr dankbar darüber, dass ich die ruhigen, distanzierten Drohnenflüge einschneiden konnte. Die reduzierte Musik und eine reduzierte Montage lassen dem Zuschauer vermutlich mehr Platz, sich in das Trauma einzufühlen.

 

Mehr zum Thema Musik, Geräusche und Schnitt dann im Beitrag Musik, Rhythmus & Bildgestaltung: Was beim Schneiden von Luftbildern wichtig ist (II).
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Ein Kommentar zu “Bildgestaltung: Was beim Schneiden von Copterbildern wichtig ist (I)

  1. Elke – vielen Dank für die Einsichten in die Montage von Copterbildern. Beim kurzen Ausschnitt aus dem Polizeiruf (Ausschnitt 1) werden Puristen wahrscheinlich die Nase rümpfen und einen „Achsensprung“ sehen, wenn auf die Bodenkamera umgeschnitten wird: In den Jumpcuts aus der Luft geht die Kommissari von rechts nach links. Die Bodenkamera begleitet sie dann von links nach rechts, also aus einer Perspektive, die 180 Grad entgegengesetzt ist. Würde das jeder Cutter so schneiden ohne zu murren? ;-)

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